Über Schenkkreise
Das System Schenkkreis
Schenkkreise sind Pyramidensysteme. Sie funktionieren nach dem Schneeballprinzip. Man soll vergleichsweise wenig Geld einbezahlen - besser: verschenken - und ein Vielfaches der Summe herausbekommen. Das hört sich paradox an und es funktioniert auch nicht. Das System ist immer das gleiche: Es gibt vier Ebenen oder Hierarchiestufen, die ring- oder pyramidenförmig aufgebaut sind. Ganz oben bzw. außen sitzen die "Gebenden", ganz innen der "Empfänger", der sich - theoretisch - bereits durch die anderen Ebenen hindurchgearbeitet hat. Er lässt sich von den acht Leuten außen beschenken. Die Höhe dieser "Geschenke" ist variabel, sie beträgt bis zu 5000 Euro und mehr. Der Spieler in der Mitte bekommt also 40000 Euro und mehr. Ist der äußere Ring mit acht Leuten gefüllt, teilt sich der Kreis in zwei neue Kreise. Der Spieler in der Mitte scheidet aus, die zwei Spieler auf der zweiten Stufe gelangen in ihrem jeweils neuen Kreis in die Mitte und die ganz außen rücken natürlich ebenfalls auf die nächste Ebene vor. Nun muss jeder äußere Ring erneut mit acht Leuten gefüllt werden, die bereit sind, den Spieler in der Mitte zu beschenken. Und so weiter ...
Es ist eine einfach Rechnung: Wie man es auch dreht und wendet, nach 15 Runden wären über 15000 Menschen beteiligt und nach 28 Runden die gesamte Menschheit. Dennoch fallen immer wieder viele Menschen auf die jeweils neueste Variante dieser Spiele herein. Es ist eine Mischung aus Gier und aus Not, die die Leute dazu treibt. Gier, weil man vermeintlich in wenigen Wochen oder Monaten zu Geldsummen kommen kann, die man sonst im ganzen Leben nicht auf die Seite bringen würde. Und Not, weil man endlich seine Schulden bezahlen kann oder seine Träume verwirklichen, seine Projekte verfolgen, sein Kunst weiter treiben oder was auch immer. Gewinner sind allerdings immer nur die Intiatoren solcher Spiele. Die anderen gehen leer aus.
Die esoterische Verbrämung der Schneeballsysteme
Dem guten alten Pyramidenspiel ein neues esoterisches Outfit zu geben, war eine blendende Geschäftsidee. Hier spielte man (und spielt bis heute) nicht nur mit der Geldgier oder der finanziellen Not der Leute, sondern auch mit ihrer emotionalen Bedürftigkeit. Denn die esoterischen Schenkkreise bieten neben der Hoffnung, einmal in die Mitte zu gelangen und mit Geld beschenkt zu werden, auch emotionale Zuwendung. Jeder darf sich hier in vertrautem Kreis über seine Probleme ausheulen und findet Zuhörer und tröstliche Umarmungen.
Die Schenkkreise verbreiteten sich nach der Jahrtausendwende in Deutschland. Es waren mehrere tausend Menschen involviert. Profitiert haben dagegen nur wenige von dem "Boom". Anfangs waren die Kreise nach Geschlechtern getrennt. Später, als neue Mitspieler knapp wurden, kam man davon ab und ließ auch gemischte Kreise zu. Aus einer Einladung eines "Männer-Kreises": "Wir sind eine Gruppe von Männern, die einen Weg gefunden haben, uns auf eine integere und aufrechte Art gegenseitig dabei zu helfen, unsere Visionen zu erfüllen. Wir sind mit der festen Vereinbarung zusammengekommen, jeden Mann, der dem Kreis beitritt, auf eine sanfte und kraftvolle Art zu unterstützen, Würde, Güte und Überfluss in seinem Leben zu erfahren. Dies ist eine Einladung, dich einer Gruppe kraftvoller Männer anzuschließen, die den Mut haben, Risiken einzugehen, um eine neue Dimension von Unterstützung auf finanzieller, emotionaler, mentaler und spiritueller Ebene zu erfahren."
Es folgen dann acht weitere Seiten in diesem Ton. Unter den Initiatoren und Profiteuren der Kreise waren zumindest in Süddeutschland in der Esoterikszene durchaus bekannte Therapeuten, "Heiler", Musiker und Unternehmer, die sich heute wohl nur noch ungern damit in Verbindung bringen lassen würden - nachdem sie damals teils mehrfach abkassiert haben.
Die rechtliche Seite
Schneeballsysteme sind in Deutschland verboten. Die Leute, die neu in einen Schenkkreis eintraten und ihr Geld gaben, mussten deshalb so genannte Schenkungsurkunden unterschreiben. Damit wurden die "Geschenke" legal und zudem auch noch steuerfrei für die Beschenkten. Als die Kreise stockten und viele Leute merkten, dass sie ihr eingesetztes Geld wohl verlieren würden, zeigten manche von ihnen die Schenkkreisinitiatoren an. Es kam zu Gerichtsverhandlungen. Der Bundesgerichtshof stufte bereits im Jahr 2005 die Schenkkreise als sittenwidrig ein und verurteilte die in diesem Fall Beklagten, dem Kläger sein eingesetztes Geld nebst Zinsen zurückzuzahlen. Wer vor Gericht sein Geld zurückverlangt, bekommt heute meist Recht. Er muss nur die dreijährige Verjährungsfrist beachten. Und hoffen, dass von dem Geld noch etwas übrig ist. Bei der strafrechtlichen Verfolgung der Schenkkreisinitiatoren ist die Rechtslage unklar. In Augsburg wurden letztes Jahr zwei Schenkkreisinitiatoren zu Geld- und Bewährungsstrafen nach dem Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb verurteilt. Die Staatsanwaltschaft Berlin hat allerdings im Herbst 2009 die Ermittlungen gegen einen Schenkkreis im Berliner Umland eingestellt. Begründet wurde das damit, dass eine Strafbarkeit nicht gegeben sei, weil den Teilnehmern die Funktionsweise des Systems erkennbar gemacht würde und damit keine Täuschungshandlung vorläge. Seit 2009 interssieren sich allerdings die Finanzämter für Gewinne aus Schenkkreisen.
Die Schenkkreise heute
In Zeiten der Finanzkrise wächst auch wieder der Bedarf nach finanzieller und emotionaler Zuwendung. Die Schenkkreise sind weiterhin aktiv trotz aller Warnungen zum Beispiel auch der Verbraucherzentralen, trotz der unzähligen kritischen Internetseiten und -foren und trotz aller Urteile gegen die Kreise. Nur tragen sie jetzt neue Namen wie zum Beispiel "MHM" - "Menschen helfen Menschen" (was übrigens nichts zu tun hat mit dem gleichnamigen Verein in Berlin, der bedürftigen Familien hilft!). Man kann nur jeden ausdrücklich warnen, sich auf solch ein System einzulassen und Geld einzuzahlen. Hilfreiche und informative Webseiten zum Thema sind unter der Rubrik "Links" eingestellt. Zum Thema ist von Bernd Hettlage am 9.1.2010 ein Artikel mit dem Titel über einen real existierenden Berliner Schenkkreis im Magazin der Berliner Zeitung erschienen: "Das Große Schenken".
Steuerpflicht von Schenkkreis-Gewinnen
Gewinne aus Pyramidenspielen und damit auch aus Schenkkreisen sind neuerdings steuerpflichtig. Dies entschied Amfamg 2010 das Finanzgericht Münster. Bei Schneeballsystemen wie den Schenkkreisen handele es sich nämlich, so die Begründung, um kein reines Glücksspiel - anders als etwa beim Lotto (FG Münster, 18.1.2010, 5K 1986/06 E). Geklagt hatte ein Immobilienmakler, der mit Schenkkreisen 210000 Euro eingenommen hatte, für die das Finanzamt Steuern erheben wollte. Das Gericht gab dem Finanzamt recht. Eine Revision wurde nicht zugelassen.
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