Textauszug aus dem Roman "Geschenkt"

Kapitel 2. Die große Umverteilung

Valentin Kroth, der Held des Romans, ist mit Jana, einer Freundin, im örtlichen Alternativcafé "Palaver" verabredet (im Buch ab Seite 12):

Ich kam ein bisschen zu spät. Jana saß schon an einem Tisch am Fenster. Sie stand auf und umarmte mich zur Begrüßung. Es schien alles wie immer zu sein. Das Gespräch plätscherte erst einmal vor sich hin. Wir tauschten harmlose Neuigkeiten aus. Ich vermied es, mein Geschäft auch nur zu erwähnen und Jana fragte nicht danach.
Zwischendrin versuchten wir immer mal wieder ein Getränk zu bestellen, was uns nach einigen ungnädig aufgenommenen Winkversuchen auch gelang.
Als das erledigt war, beugte sich Jana auf einmal wie eine Verschwörerin über den Tisch: "Ich wollte mich eigentlich mit dir heute hier treffen, um dir was zu erzählen."
Sie lächelte.
"Was denn?"
Ich lächelte vorsichtig zurück.
"Hast du schon mal was vom Schenkkreis gehört?"
Ich schüttelte den Kopf.

„Das ist ...“, Jana bekam mit einem Mal einen seltsamen Glanz in den Augen, etwa so, als wollte sie mir gleich verkünden, dass sie sich frisch verliebt hatte, „das ist eine Bewegung – ein Netzwerk von Leuten, die sich gegenseitig unterstützen. Viele Künstler sind dabei, Therapeutinnen, Körperarbeiter, Heilerinnen oder ...“, sie lächelte mich wieder an, „so Leute wie du, die sich ihre Nische gesucht haben. Leute eben, die frei sein wollen. Denen es eigentlich nicht aufs Geld ankommt und nicht auf Karriere. Und die genau deshalb meistens nicht das Geld haben, um ihre Projekte zu verwirklichen und ihre Träume zu leben. Und der Schenkkreis verhilft ihnen dazu.“

Sie machte eine Pause und blickte sich im Raum um, als wollte sie sicher gehen, dass niemand zugehört hatte.

„Es geht aber nicht nur ums Geld. Es geht darum, dass wir uns gegenseitig unterstützen, dass wir wirklich ein Netzwerk bilden. In der Politik und in der Geschäftswelt bilden sie doch auch Netzwerke. Genau so ein Netzwerk brauchen wir auch. Das Netzwerk derer, denen es eben nicht nur um Geld und Karriere geht und die dabei die Welt mit Kriegen und Zerstörung überziehen, sondern die versuchen, sich zu entwickeln und zu wachsen und die Welt in eine bessere Richtung zu treiben.“

Sie hielt inne, als wartete sie auf eine Bestätigung von mir.

Ich nickte.

„Und weißt du“, fuhr sie befriedigt fort, „wir brauchen dazu gar nicht das Geld von den Banken oder von anderen. Das Geld ist nämlich schon da. Es ist alles schon da. Wir beschenken uns einfach selbst.“

Sie sah mich bedeutungsvoll an.

...


3. Lernen, was richtiges Leben heißt

Valentin kommt abends nach Hause, schon entschlossen, dem Schenkkreis beizutreten. Er wohnt mit seiner Freundin Juliane zusammen, die nicht ganz so davon begeistert ist wie er (im Buch ab Seite 24):

Juliane war skeptisch. Das war nichts Besonderes, sie war oft erst einmal skeptisch. Oder, anders ausgedrückt, sie war ein vorsichtiger Mensch, wohingegen einer meiner Charakterzüge - oder -fehler - die Ungeduld war. Ich wollte immer alles jetzt. Sofort.

Ich war bereits entschlossen, in den Schenkkreis einzutreten.

Juliane fand dagegen immer gleich die Schwachpunkte und stach mitten hinein: "Das kann doch nie für alle klappen." Und: "Hast du das geld denn über?" Beziehungsweise: "Hast du überhaupt so viel Geld?"

Sicher könne es nie für alle klappen, antwortete ich. Aber es funktioniere schließlich seit 15 Jahren. Und die Männerschenkkreise gebe es erst ganz kurze Zeit. Sie teilten sich im Moment anscheinend noch sehr schnell. Das musste man ausnutzen. Vielleicht hatte ich schon im nächsten Frühjahr die 40000 Euro.

Und vor allem: Die Idee sei doch gut. Leuten das Geld zukommen zu lassen, die sonst nie an solche Summen kämen. An den Banken vorbei. „Das ist doch politisch, das ist fast schon subversiv.“

Außerdem: Dass Jana mir vier Tage nach der Bankengeschichte, an meinem absoluten finanziellen Tiefpunkt, vom Schenkkreis erzählte, und das auch noch am Abend vor meinem Geburtstag, musste doch einfach ein Zeichen sein.

Wir waren übrigens beide keine Esoteriker. Auch wenn ich manchmal von Zeichen und Karma und solchen Dingen sprach, und dass mir ein Leben als reicher Erbe leider nicht geschenkt worden war, weil ich etwas anderes zu lernen hatte.

Juliane war zwar Physiotherapeutin, wie Krankengymnastinnen heute so schön heißen, sie achtete auf ihren Körper, rauchte nicht und machte in ihrer Freizeit auch Yoga, aber die ganze große Therapie- und Selbstfindungsszene in Karlsruhe und Baden-Baden, die Heiler und selbsternannten Gurus, die Wochenendseminare für 350 Euro und Einzelsitzungen mit „Erwachten“ für 120 Euro, betrachtete sie nur aus der Distanz. Sie wollte damit nichts zu tun haben und nahm eine eher mitleidig-spöttische bis sarkastische Haltung dazu ein.

„Du bist doch kein Esoteriker?“, hatte sie mich gleich bei unserer ersten Verabredung gefragt, nachdem wir uns zwei oder drei Stunden lang unterhalten hatten.

War ich nicht. Aber ich muss zugeben, ich habe mich eine Zeit lang in dieser Szene bewegt, und zwar in den ersten beiden Jahren nach der Trennung von Christiane. Als ich mit ihr Schluss gemacht hatte, litt ich erstens unter einem schlechten Gewissen und hatte zweitens das Gefühl, wenn schon eine Trennung nach so langer Zeit, dann sollte sie auch etwas bewirken. Dann wollte ich nicht beim nächsten Mal das Gleiche erleben oder falsch machen, sondern auch etwas daraus lernen.

Ich zog sogar nochmal in eine Wohngemeinschaft, in ein großes Zimmer mit Balkon in der Karlsruher Südstadt. Ich hatte Angst vor dem Alleinsein und ich wollte als viel arbeitender Single einfach ein soziales Wesen bleiben. Außerdem dachte ich, dass ich in einer WG bessere Chancen hätte, neue Frauen kennenzulernen.

Das war alles schon richtig, das WG-Leben erwies sich trotzdem als Fiasko. Ich war jetzt über dreißig, meine letzte WG-Zeit war mehr als acht Jahre her. Ich stellte schnell fest, dass ich einfach keine Lust mehr hatte auf Auseinandersetzungen ums Geschirrspülen und Putzen. Und ich wollte auch nicht jedes Mal erst aufräumen und angeschimmelte Essensreste aus den Töpfen kratzen und in den Mülleimer entsorgen müssen, bevor ich etwas kochen konnte. Außerdem war mir ein Zimmer einfach zu wenig. Ich wollte nicht mehr an einem Schreibtisch neben meinem Bett die Büroarbeit erledigen müssen.

Frauen kennenlernen klappte dafür wie vorgesehen. Zum Beispiel freundete ich mich mit einer an, die alle möglichen Selbsterfahrungsseminare besuchte und mir unter anderem eine Familienaufstellung empfahl. Bei der Gelegenheit lernte ich dann auch Jana kennen. Anfangs betrachteten Jana und ich uns sogar unter dem Gesichtspunkt, ob wir wohl potentionelle Geschlechtspartner sein könnten. Was wiederum einer der Hauptgründe war, warum ich überhaupt zu solchen und anderen Wochenendseminaren ging: Um noch mehr neue Frauen kennenzulernen. Denn der Frauen-Männerquotient lag bei esoterischen Veranstaltungen immer bei mindestens zwei zu eins.

Mit Jana konnte man gut tratschen und über andere Leute lästern, das hatte mir an ihr gefallen. Sie bewegte sich seit ihrer Ankunft in Karlsruhe in der Esoterikszene und auf ihren Rat hatte ich dann noch ein paar andere Seminare besucht. Höhepunkt und zugleich Abschluss meiner Therapiekarriere war eine „Casriel“-Woche im Odenwald, sechs Tage für 860 Mark. „Da geht’s um Nähe“, hatte Jana mir gesagt, und dass es eine sehr gute Methode sei, ans Unterbewusstsein und an verborgene Kindheitstraumata heranzukommen.

Nicht dass mir solche bekannt gewesen wären, aber angeblich hatte die ja jeder von uns. Und gerade weil sie mir nicht bekannt wären, seien solche Techniken, mit denen man sein Unterbewusstes aufrühre, genau das Richtige für mich, meinte Jana. Damit ich in meiner nächsten Beziehung nicht wieder vor der Nähe und dem Kinderwunsch meiner Freundin flüchten würde.

Eigentlich wusste ich schon vorher, dass die Fahrt in den Odenwald ein Fehler war. Dass es genug war, dass ich einfach keine Lust mehr auf solche Seminare hatte. Ich machte es trotzdem. Ich hatte ja auch schon bezahlt.

Beim Casriel legt man sich aufeinander und umarmt sich. Bei der Person, die unten liegt, sollen durch den Druck und die Nähe des Anderen eben jene verborgenen Geheimnisse aus dem Unterbewusstsein hochkommen. Das Seminar fand in einem kleinen, zweistöckigen Gebäude hinter dem Privathaus der Veranstalter statt. Es gab einen Männer- und einen Frauenschlafraum. Ich hatte meinen Schlafsack dabei. Nachts roch es nach stinkenden Socken. Ich kam mir vor wie im Schullandheim und hätte am liebsten schon an der Tür wieder kehrtgemacht.

Der Seminarleiter fuhr einen Toyota Land Cruiser, damals schon ein 120000-Mark-Auto. Ich wusste das so genau, weil ich für die Baustellen auch einen Allrader brauchte, mir aber nur einen gebrauchten Nissan leisten konnte. Der lag eindeutig eine Klasse unter dem Toyota. Der Casriel-Therapeut besaß auch ein Ferienhaus in Ligurien. Dort veranstaltete er im Sommer immer zweiwöchige Seminare für 2600 Mark pro Person – Verpflegung extra. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder, führte aber eine so genannte freie Ehe, so dass durchaus auch einmal eine der Seminarteilnehmerinnen ihre frisch erworbenen Fortschritte in Sachen Nähe mit ihm erproben konnte.

Am ersten Tag lag auf mir ein 45jähriger geschiedener Hamburger namens Knut, ein kleiner, drahtiger Mann mit schütterem Haar, der sehr nervös schien und, wenn er nicht gerade auf oder unter jemandem lag, viel redete. Er hätte schon einige Casriel-Seminare mitgemacht, meinte er.

Um mich herum schrien nach einer Weile alle „Mama“ und „Warum hast du mich verlassen?“ und „Du hast mich nie geliebt“. Es waren alles Menschen zwischen 30 und 60 Jahren, die in einigermaßen anspruchsvollen Berufen arbeiten mussten, sonst hätten sie sich das Seminar ja nicht leisten können. Das war ja auch das Dilemma – denn meistens waren sie mit eben diesen Berufen oder ihrer Situation im Betrieb, im Lehrerkollegium oder wo auch immer unzufrieden. Sie litten darunter. Wenn sie als Ergebnis der Therapie die gut bezahlte Arbeitsstelle oder gar den ganzen Beruf verließen, konnten sie sich anschließend aber die teuren Seminare nicht mehr leisten. Nix mehr mit zwei Wochen Ligurien oder vier Wochenenden im Jahr „Mama“ schreien und dabei fremde Frauen und Männer umarmen. Ein ziemlich unlösbares Problem. Also doch lieber bleiben und leiden?

Sie sahen alle eigentlich ganz normal und gesund aus. Doch jetzt heulten und kreischten und brüllten sie. Ich lag erst ganz still und sann darüber nach, ob ich eigentlich eine masochistische Ader in mir hatte, weil ich mir das hier antat und noch dazu viel Geld dafür bezahlte. Dann flüsterte mir Knut ins Ohr: „Lass Dich fallen. Entspann Dich.“ Ich schloss die Augen und versuchte mich zu entspannen – trotz der Tatsache, dass da jemand auf mir lag, den ich sonst wahrscheinlich nicht einmal in meine Wohnung gebeten hätte. Gerade als ich anfing zu schnarchen, kam der Seminarleiter und rief: „Nicht schlafen, Valentin. Das ist Flucht. Konfrontiere dich mit dem, was gerade bei dir geschieht. Lass es zu.“

Knut veränderte kurz darauf seine Stellung und auf einmal wurde ich panisch, weil ich glaubte, seinen Schwanz in meiner linken Leistenbeuge zu spüren. Also schrie ich: „Aaahh!“ Und siehe da, es half. Weil ich meine Lage so unangenehm fand, brüllte ich meinen Missmut darüber einfach heraus: „Scheiße! Blöde Scheiße! Ich will nicht! Aaahhh!“

„Gut so“, lobte Knut.

„Ja Valentin!“, feuerte der Seminarleiter mich an.

Zum Glück gab es eine Sauna in dem Haus. Dort und unter der Dusche verbrachte ich den ganzen Abend. In dem Saal, in dem wir tagsüber geschrien hatten, tanzten die anderen und schrien dabei noch immer. Mit mir in der Sauna war nur noch Gerald, ein dicklicher EDV-Fachmann aus Heilbronn.

„Wollen wir morgen zusammen auf die Matte gehen?“, fragte er mich. So nannten sie es: Auf die Matte gehen. Weil das Ganze auf dünnen Schaumstoffunterlagen stattfand.

Ich stellte mir vor, wie Gerald mit seinen hundert Kilos oder mehr auf mir liegen und ich unter ihm verschwinden würde. Wie er mich in die Matte pressen würde, bis mir die Luft wegblieb.

„Mal sehen“, sagte ich.

Er sah traurig auf die Bretter zu seinen Füßen, während der Schweiß von seinem Kopf tropfte.

Am nächsten Morgen reiste ich ab.

Knut meinte, das sei gerade ein Zeichen, dass ich Schwierigkeiten mit Nähe hätte und dass ich genau deshalb hierbleiben müsste anstatt zu flüchten. Gerade ich hätte es nötig.

Der Seminarleiter meinte, er könne mir das Restgeld aber nicht zurückzahlen, gebucht sei gebucht, er könne mir allenfalls einen Gutschein für ein anderes Wochenendseminar ausstellen.

Diesen Gutschein bekam ich nie, obwohl ich in der Woche darauf noch einmal telefonisch nachfragte und dann auch noch einen Brief hinterher schickte, mit der Bitte um schriftliche Bestätigung. Sie reagierten nie darauf, schicken mir aber seitdem zweimal im Jahr einen Katalog mit ihrem jeweils neuen Seminarprogramm zu. Casriel ist immer noch der Renner. Die zwei Wochen in Ligurien kosten jetzt 1800 Euro. Wie gehabt ohne Verpflegung.

Ich wollte natürlich gar kein anderes Wochenendseminar mehr dort besuchen. Aber ich hätte den Gutschein ja wenigstens Jana schenken können.

Ich machte nach diesem Erlebnis überhaupt nie mehr bei irgendeinem Selbsterfahrungsseminar mit.

Beim Frühstück, als ich noch nichts von meiner gleich anschließend geplanten Abreise verraten hatte, saß Knut neben mir, kaute hingebungsvoll auf seinem Brötchen und sagte: „Du musst im Sommer mal mit ins Camp nach Ligurien fahren. Da lernst du erst, was richtiges Leben heißt.“



4. Schokocroissants in der Badewanne

Valentin spricht mit Sebastian Schneller, der bei „seinem“ Kreis in der Mitte ist; der lädt ihn ein, an einer Telefonkonferenz des Kreises teilzunehmen, wie sie zweimal wöchentlich stattfinden, um den Kreis kennen zu lernen (im Buch ab Seite 36):

Am nächsten Morgen nahm ich also an der ersten Telefonkonferenz meines Lebens teil. Ich hatte einen reichlich dicken Kopf. Es war zwar nicht spät geworden gestern, aber Pit, mein bester und ältester Freund, hatte eine Flasche Absinth mitgebracht, die wir zu sechst geleert hatten, dazu noch zwei Flaschen Wein, und mein Anteil an all dem war bestimmt nicht der kleinste gewesen. Jetzt saß ich mit einer Tasse Kaffee am Schreibtisch und versuchte mich nicht zu abrupt zu bewegen, weder den Kopf noch irgendeinen anderen Teil meines Körpers.

Ich wählte eine Billigvorwahl und dann die 001 für die USA, darauf eine lange Nummer und dann erklang ein kleines elektronisches Glockenspiel und eine Frauenstimme sagte: „Now press your Pinnumber and enjoy the conference.“

Eins hatten uns die US-Amerikaner auf jeden Fall voraus: wie man Dienstleistungen freundlich und komfortabel ausstattet. Dafür gab es bei ihnen die Todesstrafe, weswegen ich nie in die USA reisen würde, denn wer weiß, was einem alles passieren mochte. Ich konnte zum Beispiel mit meinem Leihwagen tanken fahren, mitten im schönsten Urlaub, kam dann in den Tankshop, um zu bezahlen und erwartete eines dieser Mädchen mit ihrem bezaubernden, amerikanischen Dienstleistungslächeln hinter dem Tresen – stattdessen lag sie tot dahinter, vor zehn Sekunden erschlagen, der Mörder schon weg und wen fand man bei der Leiche, starr vor Schreck? Mich. Und flugs landete ich im Knast, vor Gericht und dann in der Todeszelle. Nein danke. So lange es da irgendwo noch die Todesstrafe gab, würde ich die USA nicht betreten. Never ever.

Aber hier war ich ja in Sicherheit, zu Hause an meinem Schreibtisch, und sollte nur die Pin-Nummer drücken. Ich wählte also noch einmal drei Ziffern und war dann, begleitet von einem weiteren Glockenton, auch schon übergangslos drin:

„... so wenig Aufträge, dass ich manchmal einfach Angst habe, wie es weitergehen soll. Ich traue mich auch gar nicht, das meiner Frau zu sagen. Die hat sich so auf das neue Haus gefreut. Aber ich weiß einfach nicht, wie ich das jetzt noch bezahlen kann.“

Der das gesagt hatte, schnaufte schwer, dann war ein kurzes, aber beredtes Schweigen in der Leitung. Nur etwas Wasser plätscherte. Saß da jemand in der Badewanne?

„Wer ist da gerade reingekommen?“, hörte ich eine andere Stimme.

„Das bin ich, Valentin.“ Ich gab mir Mühe, meine Stimme fest und tief klingen zu lassen und kein bisschen brüchig von übermäßigem Alkoholgenuss. „Ich bin neu hier, Sebastian hat mir die Nummer gegeben.“

„Hallo Valentin“, meldete sich Sebastian, „schön, dass du da bist.“
„Hallo Valentin.“„Hallo Valentin.“

„Hallo Valentin“, scholl es vielstimmig aus der Leitung zurück.

Männergruppe. Es klang eindeutig nach Männergruppe.

„Der Valentin hat ein kleines Unternehmen für Tennisplatzbau“, stellte mich Sebastian vor. „Das ist doch richtig, Valentin, oder.“

„Ja“, gab ich kurz zurück. Über meinen Job wollte ich jetzt eigentlich gar nicht sprechen. Zum Glück hakte auch keiner nach. Normalerweise kamen nämlich immer Fragen, wenn ich erzählte, was ich beruflich machte. Niemand kannte einen Tennisplatzbauer. Ich hatte immer den Exotenbonus. Aber vielleicht waren hier ja lauter Exoten versammelt.

„Ich finde, das passt ganz gut“, ließ sich Sebastian jetzt vernehmen. „Tennisplatzbau klingt so bodenständig. Das erdet uns, das kann der Kreis gut gebrauchen. Wir haben sonst so viel Luft dabei, viele Künstler. Den Oliver Rainbow zum Beispiel, das habe ich dir ja schon gesagt, Valentin, aber der ist heute nicht dabei. Ich soll euch übrigens grüßen von ihm. Ich habe gestern Abend mit ihm telefoniert, er müsste jetzt gerade auf dem Weg nach Kopenhagen sein, wo er heute Abend ein Konzert gibt. Und dann haben wir ja noch den Damian, der ist Bildhauer, nicht wahr Damian.“

Jemand brummte ein tiefes: „Mhmm.“

„Ich bin ja auch Künstler“, sagte die Stimme, die vorher gefragt hatte, wer neu dazu gekommen sei. Es plätscherte wieder und klang ein wenig hohl, wie in einem leeren Raum oder einem Schwimmbad. Er schien wirklich in der Badewanne zu liegen.

Was er wohl macht, wenn das Wasser kalt wird?, fragte ich mich. Ich liebte Vollbäder nämlich auch. Wenig konnte mich mehr entspannen, als in der knallheißen Badewanne zu liegen, so dass ich es gerade eben noch aushielt und mir der Schweiß von der Stirn perlte, dazu Musik und eiskaltes Bier.

Aber derjenige, der hier während der Konferenz im Wasser lag, konnte doch nicht eine Stunde lang im selben Wasser verbringen. Das wurde doch irgendwann kühl. Ließ er dann Wasser nach? Hielt er dabei den Hörer zu? Würde das genügen, um den Lärm nicht zu den anderen dringen zu lassen? Oder stieg er mitten im Gespräch aus der Wanne?

„Wer bist du?“, fragte ich, weil mich das ehrlich interessierte.

„Ich bin Horst.“

Horst klang ziemlich selbstbewusst.

„Was, Horst, du bist auch ein Künstler?“, fragte Sebastian etwas erstaunt und mit einem, wie ich meinte, Quentchen Spottlust in der Stimme. „Davon wusste ich noch gar nichts.“

Sebastian schien der Moderator der Runde zu sein. Vielleicht, weil er in der Mitte war. Nein, weil er die Mitte „hielt“, wie er sich ausdrückte, und damit dafür sorgte, dass der Kreis auf einem hohen Energieniveau blieb. „Das ist nicht so einfach“, hatte er bei unserem gestrigen Gespräch gesagt.

„Ich“, antwortete Horst, „ich bin ein Lebenskünstler.“ Und dann plätscherte er wieder und kicherte vergnügt. „Ich liege zum Beispiel hier gerade mit meiner Lebensgefährtin in der Badewanne und wir schlürfen Früchtetee und essen Schokoladencroissants.“

Keiner erwiderte etwas.

Ich dachte, wie alle sich jetzt vorstellten, wie die Croissantkrümel auf die nackten Brüste seiner Freundin fielen und dann im Wasser herumschwammen, aufquollen und langsam zerfielen.

Sebastian durchbrach die Stille: „Schön, Horst. Du lässt es dir gut gehen. Aber lasst uns doch überlegen, wie wir dem Dieter helfen können, damit der mehr Aufträge kriegt. Dieter, was brauchst du?“

„Ich weiß nicht“, sagte der, der am Anfang geredet hatte, als ich mich in die Runde eingeklinkt hatte. „Manchmal möchte ich morgens gar nicht mehr aufstehen. Es fühlt sich alles so schwer an. Es muss sich jetzt entweder ganz schnell etwas in meinem Leben ändern oder ich weiß auch nicht.“ Er seufzte. Er schien sogar einen Schluchzer hinunterzuschlucken.

Ich fühlte mich sofort ... heimelig. In der Runde, dachte ich, kann mir nicht viel passieren. Wenn andere Männer jammern, fühle ich mich immer gleich viel stärker.

Ich trank einen Schluck Kaffee und lehnte mich entspannt zurück.

„Dieter“, mischte sich jetzt eine tiefe, ruhige Stimme ein, „du hast gesagt, es muss sich etwas ändern in deinem Leben. Das klingt so passiv. Wie wäre es denn, wenn du das in die Hand nimmst? Wenn du etwas änderst.“

„Gut, Gernot, aha“, fiel Sebastian ein, aber der Angesprochene ging nicht darauf ein, sondern redete genauso ruhig weiter.

„Ich war früher auch so, ich habe auch immer erwartet, dass sich etwas ändert. Ich wollte auch keine Verantwortung für mein Leben übernehmen.“

Ich schüttelte mich fast vor Behagen. Genauso hatte ich mir den Männer-Schenkkreis vorgestellt. Das waren natürlich zwei Klassiker, zwei Dauerbrenner aus der Therapieszene: Das Leben selbst in die Hand nehmen und Verantwortung für sich selbst übernehmen. Und Gernot machte es ganz geschickt: Die Lösungsvorschläge immer damit garnieren, dass man den Fehler auch von sich selbst kennt. Ich konnte das auswendig mitbeten. Gernot war bestimmt auch Therapeut.

Ein bisschen war das hier wie Fernsehgucken. Sat 1: „Die Männershow“, mit Sebastian Schneller und Gästen.

Und ich konnte mich zu Hause zurücklehnen und zuhören und ab und zu eine abgeklärte Bemerkung aus meinem eigenen Therapiereservoir hinzufügen und derweil würde ich meinem Glück immer näher kommen: Der Mitte. Dem Geld.